Wahlkampf und Schlager


Jetzt ist auch endlich die Wahl in Frankreich vorbei, und alle sind erleichtert, dass der neoliberale Ex-Banker Emmanuel Macron klar und deutlich gewonnen hat. Macron, jung, dynamisch, charismatisch, weswegen er gerne mal mit John F. Kennedy verglichen wird und daher lieber nicht so oft im Cabriolet fahren sollten. Nach Macron (39 Jahre), könnte im Herbst in Österreich Sebastian Kurz (30 Jahre) Kanzler werden. Wenn in Italien dann auch noch Matteo Renzi (42 Jahre) zurückkommt als Ministerpräsident, dann muss bei der anstehenden EU-Reform eine Kita für den Europäischen Rat ganz oben auf der Agenda stehen.


Da fehlt eigentlich nur noch, dass Christian Lindner (38) zum Bundeskanzler gewählt wird. Das wäre doch eine Überraschung: Mit dem Wieder-Einzug in den Bundestag wird die FDP direkt stärkste Kraft, nachdem sie eine weniger starke Kraft zusammen mit der CDU geschlagen hat in Nordrhein-Westfalen. Natürlich waren die Grünen nicht unbeteiligt an der Abwahl der rot-grünen Landesregierung. Zwischenzeitlich mussten sie schon darum bangen, überhaupt ins Parlament zu kommen. Um die Grünen in NRW ist es momentan wirklich sehr schlecht bestellt; noch am Wahlabend sollen Biologen Kröten beobachtet haben, wie sie Sylvia Löhrmann über die Straße trugen – und die Ministerpräsidentin gleich hinterher.

Für die SPD war es die dritte Niederlage in Folge, nachdem zuerst Annegret-Kramp-Karrenbauer (zu der man gar keine Pointe mehr benötigt, weil der Name schon wie aus einem Loriot-Film klingt) gegen jede Erwartung ihren Titel im Saarland verteidigen konnte und dann Torsten Albig, der Deo-Roller von der Waterkant, seinen Posten verlor, weil er dem Polit-Magazin Bunte ein ungeschicktes Interview gab. Der Schulz-Effekt ist jedenfalls verpufft, und die SPD kann sich auf Schlimmes einstellen, wo jetzt auch noch Kabarettist Peer Steinbrück gegen Schulz stichelt – als ob es nicht gereicht hätte, dass er seine eigene Kandidatur mit schlechten Gags versaut hat!


Die arme alte Tante SPD! Was unter Schröder mit ihr begonnen hatte, nennt man wohl aktive Sterbehilfe. Da ist es doch schön, zu wissen, dass wenigstens noch einer treu zu ihr steht: Roland Kaiser. Jener hat nämlich auf Spiegel Online betont, dass er bekennendes SPD-Mitglied ist. Dabei müsste doch einer seiner größten Hits in diesem Jahr eher der Wahlkampfschlager der Union sein, denn die Botschaft von Merkel an den Wähler heißt: „Lieb mich ein letztes Mal, nur noch diese eine Wahl“. Kaiser beichtet in diesem Interview sogar: „Meine Mutter hat das Büro von Willy Brandt geputzt.“ Das wirft natürlich sofort die Frage auf, wer eigentlich der wahre Vater von Roland Kaiser ist? Möglicherweise hat Roland Kaiser sein demokratisches Engagement also sogar geerbt. Er spricht sich jedenfalls klar gegen Pegida aus und ist schon auf einer Gegenveranstaltung aufgetreten. Das haben die Toten Hosen übrigens auch schon gemacht. Allerdings ist ja Campino nun ein bekennender Merkel-Fan. Vielleicht sollten einfach Roland Kaiser und die Toten Hosen ein gemeinsames Konzert geben für eine neue GroKo, damit Christian Lindner weder Bundeskanzler wird, noch unter Merkel seine Reifeprüfung ablegen muss. Stattdessen singen Kaiser und Campino Arm in Arm für die Kanzlerin: „Manchmal möchte ich – an Tagen wie diesen – schon mit dir ... .“ Das wäre dann wohl: eine Laune der Kultur.



  1. (c) Benjamin Eisenberg 2017

30. Mai 2017